Historischer Abriss

Die Industrialisierung veränderte das Gebiet rund um die Schluchten. Fabriken sowie E-Werke wurden gebaut und Touristen kamen ins bisher unwegsame Gelände.

Geschichten von Holz und Wasser
Holz ist einer der wenigen natürlichen Rohstoffe in Dornbirn. Aus den günstig gelegenen Wäldern wurde das Nutz- und Brennholz vorzugsweise im Winter ins Tal gebracht. Große Teile der Dornbirner Wälder waren früher nicht erreichbar, es fehlten Wege und Straßen.

Damals gab es zwei Möglichkeiten, das Holz dieser Wälder zu nutzen. Die eine war die Köhlerei, also die Verarbeitung des Holzes zu Holzkohle an Ort und Stelle mittels Meilern. Die so gewonnene Kohle war leicht und konnte in Säcken ins Tal getragen werden. Rund um das Tal der Dornbirner Ache und der Ebniter Ache gibt es zahlreiche Flurnamen wie Kohlholz, Kohlhalde oder auch „Brentenkopf“, die auf diesen alten Wirtschaftszweig hinweisen. Die zweite Möglichkeit war, die Kraft des Wassers zu nützen, um das Holz ins Tal zu transportieren. Dazu wurden seit dem späten Mittelalter die gefällten Stämme in handliche Stücke zersägt und dann in die Ebniter Ach geworfen. Aufgefangen wurden sie mit einem großen Holzrechen vor dem heutigen Waldbad Enz. Durch die eingeschlagenen Besitzzeichen, die sogenannten Schlagmale, konnte jeder Waldbesitzer seine Stücke wiederfinden.

Diese Transportart wird Trift (wie „treiben lassen“) genannt, um sie von der Flößerei, wo die einzelnen Holzstücke zusammengebunden werden, zu unterscheiden. Um 1800 wurde die Holztrift mittels Wasserstuben unterstützt. In diesen wurde das Wasser gestaut und zum verabredeten Termin abgelassen. Davor warfen die Waldbesitzer ihr Holz ins Achtal. Die so künstlich erzeugte Flutwelle spülte das Holz durch die Schlucht ins Tal. Die drei Wasserstuben im Ebniter Tal brachten nicht nur mehr Holz, sondern auch mehr Kies ins Tal. Aus diesen Gründen begann die Gemeinde 1830 mit dem Bau von vier Kiessperren nach Entwürfen von Alois Negrelli. Die erste stand unmittelbar vor dem Einfließen der Ach in das Rappenloch. Als 1897 die erste Kiessperre erhöht und zur Staumauer für den Staufensee ausgebaut wurde, führte eine Triftwand quer durch den See das Floßholz über einen 84 m langen Tunnel in die Rappenlochschlucht. Der Dornbirner Fangrechen beim heutigen Waldbad Enz wurde 1923 durch ein Hochwasser weggerissen und nicht mehr wiederaufgebaut. Das mittlerweile gut ausgebaute Wegenetz hat die gefährliche Arbeit der Trift überflüssig gemacht. Noch in den 20er-Jahren wurden jährlich rund 4.000 Raummeter Holz getriftet.

Die Industrie kommt

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Textilindustrie in Dornbirn der bedeutendste Wirtschaftsfaktor. Wasserkraft war für die Betriebe besonders wichtig und begehrt. Als der Dornbirner Industrielle Franz Martin Hämmerle nach einem Standort für eine neue Fabrik suchte, entdeckte er das Gütle. Er kaufte Bauerngüter und Wasserrechte auf und ließ ein Stauwehr beim ersten Wasserfall vor dem Gütle erbauen. 1864 beginnt die Spinnerei Gütle mit der Produktion.

Um möglichst viel Wasser und damit Antriebskraft zu erhalten, wurden weitere Quellen erschlossen. Durch einen eigens angelegten Stollen leitete man Wasser von der Kobelache zur Ebniter Ache. Die Industrie brachte jedoch nicht nur Fabriksbauten ins Gütle. Um den dort Arbeitenden weite Wege zu ersparen, wurde Wohnraum für Arbeiterfamilien geschaffen, Verwaltungsbauten errichtet, eine kleine Villa für den Direktor gebaut und auch ein Verkaufsladen bzw. ein Gasthaus errichtet. Kaiser Franz Joseph I. besuchte im Jahre 1881 eigens die Spinnerei Gütle. Denn von hier aus konnte der Kaiser mit der Firmenzentrale im Oberdorf (Kirchgasse 5) telefonieren, damals eine technische Sensation. Als 1891 ein Hochwasser die große Kiessperre vor dem Rappenloch zerstörte, trieben die angestauten Geröllmassen durch die Schlucht in das Dornbirner Achbett. Da die Betriebe immer mehr Energie benötigten, erfolgte der Bau einer Staumauer an Stelle der alten Kiessperre, um durch den dadurch entstehenden See Wasser speichern zu können.

1899 wird mit der Füllung des Staufensees begonnen. Die Staumauer erreichte nun eine Höhe von 21 Metern. Damit wurde eine regelmäßige Wasserversorgung ermöglicht, Betrieb und Wasserkraftanlagen vor Hochwässern geschützt und wenn der Betrieb keine Energie benötigte, etwa in der Nacht oder an Sonn- und Feiertagen, wurde das Wasser einfach im See zurückgehalten. Gleichzeitig begann auch die touristische Erschließung des Gütles, der Rappenloch- und Alplochschlucht sowie des Staufensees. Bereits 1869 entstanden im Gütle Parkanlagen, der Springbrunnen war mit 50 Metern Höhe damals der höchste in Europa. 1882 wurde das Gasthaus eröffnet. Während des Baues der Staumauer hatte die Firma F.M. Hämmerle durch einen Felssteig einen Weg durch die Rappenlochschlucht geschaffen. 1899 wurde er für das „Publikum“ geöffnet. Der Staufensee konnte mit Ruderbooten befahren werden. Das Alploch wird 1902 durch einen Felssteig für Fremdenverkehr erschlossen. Ein Bergrutsch in den 1930er-Jahren verlegt den Grundablass des Staufensees. Im Laufe der Jahre wurde durch gewaltige Kiesmengen das Seevolumen von ehemals 150.000 m³ auf 40.000 m³ verkleinert, und Ende der 1970er- Jahre drohte die Verlandung. Obwohl inzwischen elektrische Energie über das normale Stromnetz zur Verfügung stand, rechnete sich die Sanierung des Staufensees. Nach der drei Jahre dauernden Sanierung erreichte der See im Jahre 1980 wieder ein Volumen von 100.000 m³.

Das Zeitalter der Elektrizität

Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte eine neue Technik die Fernübertragung von Strom durch Starkstromleitungen. Die Gemeinde Dornbirn plante nun den Bau eines gemeindeeigenen Kraftwerkes. Damit sollte eine elektrische Straßenbeleuchtung und eine Straßenbahn zwischen Dornbirn und Lustenau möglich werden.

Da die nahegelegenen Wasserkräfte bereits alle von der Textilindustrie genutzt wurden, musste das neue Kraftwerk hinter den bereits bestehenden Anlagen gebaut werden. Anfang Sommer 1898 begann der Bau eines Wasserkraftwerks vor dem Rappenloch in der Parzelle „Ebensand“. Der Name stammt von einem Vorsäß (Maisäß), das hier früher bestand. Zeitweise wurden über 300 Arbeiter beschäftigt, viele davon Spezialisten für Tunnel- und Steinarbeiten, die aus dem Trentino stammten. Heute noch können einige Dornbirner Familien auf eine Herkunft aus dem Trentino verweisen. Das Wasser der Ach wird im Schanerloch gefasst und durch einen zwei Kilometer langen Felsstollen geführt. Dieser Stollen mit einem Fassungsvermögen von 4.400 m³ dient auch als Wasserspeicher.

Von dort führt eine Druckrohrleitung rund 200 Meter tief bis zum Kraftwerk. Das Abwasser fließt in den nun entstehenden Staufensee. Im Kraftwerkshaus wurden zuerst zwei Pelton-Turbinenräder der Dornbirner Rüschwerke (inatura) mit je 250 PS Leistung aufgestellt. Vereinbarungsgemäß gab es im Kraftwerkshaus Ebensand zwei Wohnungen. Die eine stand dem Kraftwerkswärter zu, die andere dem Staufenseewärter. Denn wenn es in der Stadt brannte, wurde dieser per Telefon alarmiert und leitete mehr Wasser in die Ache. Dieses Wasser wurde dann über spezielle Kanäle, die Feuergräben genannt wurden, zum Brandplatz geleitet und als Löschwasser genutzt.

1899 ging das E-Werk Dornbirn in Betrieb. Bald brannten in Dornbirn knapp 400 Straßenlampen, die meisten davon allerdings nur die halbe Nacht. Am Marktplatz sorgte eine sogenannte Bogenlampe für die stärkste Beleuchtung und bot abends, wie Zeitgenossen bemerkten, für die Pfarrkirche und den ganzen Platz ein herrliches Bild. Anfangs wurde das Kraftwerk von der Firma Siemens & Halske betrieben, dann von den „Elektrizitätswerke Jenny & Schindler“, den späteren Vorarlberger Kraftwerken (VKW), übernommen und an das landesweite Stromnetz angeschlossen. 1955 erfolgte ein Umbau, der die zu verarbeitende Wassermenge beinahe verdreifachte. Ebensand lieferte nun sieben Millionen kWh pro Jahr.