Ein Fenster in vergangenen Zeiten

Versetzen wir uns also 125 Millionen Jahre zurück an den damaligen Südrand Europas. Was später den geologischen Rahmen der Schluchten bilden sollte, war zu jener Zeit ein flaches Meer. Das Klima war angenehm warm: Nicht umsonst spricht man vom „kreidezeitlichen Treibhaus“. Sandbänke wechselten mit schlammigen Lagunen, kleine Korallenriffe mit Gezeitenkanälen. Das Meer war voll Leben, und viele der Lebewesen trugen zur Kalkproduktion bei.

 

Viel mehr Kalk wurde produziert, als auf der Plattform gelagert werden konnte. Weiter im Süden lag der offene Ozean. Dorthin verfrachteten Stürme und Rutschungen das überschüssige Material. Nach solch einem Ereignis kehrte wieder Ruhe ein. Tonige Zwischenschichten trennen die eingeschütteten Kalkbänke. Der massige Schrattenkalk auf der Plattform und die Wechselfolge der Drusbergschichten im Becken wurden also zur selben Zeit abgelagert. Mit zunehmender Entfernung vom Land im Norden stieg die Wassertiefe und nahm der Kalkanteil im Gestein ab.

Vor etwa 115 Millionen Jahren wandelte sich das Bild
Der Untergrund sank ab. Die Kalkproduktion genügte nun nicht mehr, um die Zunahme der Wassertiefe auszugleichen. Die Kalkplattform „ertrank“. Bald betrug die Wassertiefe rund 200 Meter. Das reiche Bodenleben erlosch. Sand, der vom Festland eingeschüttet und von Strömungen verfrachtet wurde, kam nun zur Ablagerung. In einigen Schichten wurden die Gehäuse von Ammoniten und Schalen von Schnecken und Muscheln angereichert. Das grüne Tonmineral Glaukonit ist charakteristisch für die Grünsandsteine der Garschella-Formation. Sind sie längere Zeit der Witterung ausgesetzt, so „rostet“ das Eisen zu braunem Limonit, und der Schwefel greift als Säure den Kalk an. Zurück bleiben Löcher mit rostbraunen Resten des einstigen Pyrits. Mit fortschreitender Verwitterung verschwinden auch diese. Vor etwa 85 Millionen Jahren begann sich wieder ein verstärkter Eintrag von Ton abzuzeichnen. Mit scharfer Grenze folgen die weitgehend monotonen, grauen Mergel der Amden-Formation. In dieser bis zu 200 Meter mächtigen Einheit sind große Fossilien selten. Neben Muscheln wurden vor allem grabende Seeigel gefunden. Nur die ältesten Schichten dieser Formation wurden von Tieren durchwühlt. Die Mergel wittern im Gelände rasch zurück. Sie sind gute Wasserstauer und neigen zu Rutschungen. Die Einschüttung von Sand und die Bildung von Glaukonit gingen vor 100 Millionen Jahren langsam zu Ende. Die große Wassertiefe blieb aber bestehen. Typisches Gestein der Seewen-Formation ist ein eher hellgrauer, dichter Kalkstein. An seinem muscheligen Bruch sowie den ausgeprägten Drucklösungssäumen mit Anreicherungen von schwarzen Tonmineralien ist er leicht erkennbar. Mineraliensammler schätzen die kugeligen Pyrit- Aggregate, die sich häufig in diesem Gestein finden. Doch nur in frischem Zustand glänzen diese schön golden. Während der Auffaltung der Alpen – die Folge der Kollision mit einem Anhängsel Afrikas – wurde die gesamte Schichtfolge am Südrand Europas von ihrer Unterlage abgehobelt, nach Norden transportiert und dabei in Falten gelegt. Dadurch ist heute nebeneinander anzutreffen, was ursprünglich übereinander abgelagert worden war. Rappenloch und Alploch sind Faltensättel aus hartem Kalk, die vom Wasser durchschnitten wurden. Dazwischen liegt in einer Faltenmulde der weiche Amdener Mergel, den der Fluss großräumiger ausräumen konnte. Die anderen beiden Gesteinseinheiten sind zu geringmächtig, um landschaftsprägend in Erscheinung zu treten. Wer mit offenem Blick die Schluchten durchwandert, wird sie dennoch entdecken.

Die Schluchten selbst sind Bildungen der Eiszeit
In jeder Kaltzeit haben Rhein- und Illgletscher mit vereinter Kraft das Rheintal vertieft. Zurück blieb ein Trog, in den der Vorläufer der Ebniter Ach sein Wasser in einer Steilstufe schüttete – ein Ungleichgewicht, das ausgeglichen werden musste. Immer mehr schnitt sich das Wasser rückschreitend in das Gestein, immer mehr näherte sich der Fluss dem idealen Gefälle. Es ist auch heute noch nicht erreicht! Im harten Kalk hat das Wasser keine Möglichkeit, seitlich auszuweichen. Die Abtragung wirkt in die Tiefe, und eine enge Klamm entsteht. Der weiche Mergel hingegen wird vom Wasser unterschnitten. Er rutscht nach, wird vom Wasser abtransportiert. Dort finden sich aufgeweitete Talkessel. Lange Zeit dauerte es, bis die Ebniter Ach ihren heutigen Lauf erreicht hatte. Die 10.000 Jahre seit dem Ende der letzten Vereisung reichten dafür bei weitem nicht aus. Seit wann sich das Wasser in die Tiefe schneidet, können wir nur erahnen. Die reliktische Schlucht im Kirchle zeugt von einer Zeit, als das heutige Gewässernetz erst im Entstehen war. Mehrfach wurde die Bildung von Alploch und Rappenloch unterbrochen. Am Beginn jeder Kaltzeit wurden die Schluchten mit Gesteinsschutt plombiert: Der Gletscher draußen im Rheintal wirkte als Staudamm. In den so entstandenen See schüttete die Ebniter Ach ihr Geschiebe. Später, als es kalt genug war, dass auch die Seitentäler vergletschern konnten, waren die Schluchten bereits völlig mit Sand und Schotter verfüllt. Das Eis des Seitengletschers floss über sie hinweg. Schmolzen am Ende der Kaltzeit die Eismassen ab, so musste das Wasser zunächst den Schutt aus der Schlucht schwemmen. Erst danach konnte es sich weiter in den Untergrund einschneiden.